Der Amoklauf in Winnenden: Und wieder waren es die Videospiele!

An keinem wird der Amoklauf vom Mittwoch (11. März 2009) in Winnenden so ohne Weiteres vorbeigegangen sein. Auch an mir nicht und das liegt hauptsächlich daran, dass diese Kleinstadt gerade mal zehn bis 15 Kilometer von meinem Wohnort entfernt ist. Dass Tim K. mit seiner krassen Aktion nicht nur die Polizei, sondern auch die Bevölkerung auf Trapp hielt, scheint genauso wenig ein Wunder zu sein. Wie man einigen Medienberichten entnehmen kann, war sein Verhalten für einen Amokläufer ziemlich untypisch, vor allem deshalb, weil er den Ort des Grauens verließ und auf seiner Flucht weitere Menschenleben opferte.

Tim K. war der mit der Durchschnittsfrisur, mit dem Durchschnittsgesicht und der Durchschnittsbrille. Das schrieb die Bild in ihrer Online-Ausgabe am Mittwoch, den 11. März. Und Tim spielte auch Videospiele mit Gewaltinhalt. Oh, fällt uns da was auf? Richtig, irgendwie ist die Geschichte gar nicht so unbekannt mit den bösen Killerspielen. Natürlich sucht man wieder einen ganz simplen Sündenbock für die Geschehnisse in Winnenden. Eine Unterhaltung mit meinem alten Kollegen LiquidSnakE brachte auch eine Erklärung darauf hervor:

[00:01] LiquidSnake: Denn rate, wer die Schuld für den Amoklauf bekommt?
[00:01] LiquidSnake: Entweder die Spiele oder die Lehrer.
[00:01] LiquidSnake: Aber soziale Komponenten?
[00:01] LiquidSnake: Die werden ignoriert.
[00:01] LiquidSnake: Ich verstehe das sogar:
[00:01] LiquidSnake: Das reale Leben ist komplex.
[00:01] LiquidSnake: Im realen Leben gibt es keine Kausalität von 1+1.
[00:01] LiquidSnake: Im realen Leben bedeutet Kausalität 1+1+1+1+1+1+1+1+1+1+1+1+1+1+1.
[00:01] LiquidSnake: Das Volk will aber eine simple Gleichung.
[00:02] LiquidSnake: Das Volk will 1+1.
[00:02] LiquidSnake: Ergo: man braucht einen Schuldigen.

Dass die sozialen Komponenten natürlich beinahe übergangen werden, ist nichts Neues mehr in der deutschen Medienlandschaft (hier insbesondere in den manipulativen Massenmedien). Sicherlich findet man bei der ARD, dem ZDF und sogar bei der Bild Hinweise darauf, wer Tim K. wirklich war. Er war ein unauffälliger Mensch wie so manch anderer Amokläufer in Deutschland auch. Er litt aber auch unter schweren Depressionen, wegen denen er sich kurzzeitig in psychiatrischer Behandlung befand. Aufgewachsen ist er in einem wohlhabenden Elternhaus. Der Vater besitzt eine mittelständische Firma, die gut zu laufen scheint. Aber was die Eltern auch haben: Einen großen Waffenschrank, zu dem wohl auch Tim K. Zugang hatte. Also ist die Klinge doch wieder recht zweischneidig. Killerspiele, Waffenschrank, Depressionen – und was noch? Das weiß wohl niemand so richtig, was in Tims Kopf noch so abging. Aber klar ist jedoch:

Nicht nur Videospiele mit Gewaltinhalt, wie beispielsweise Counter-Strike (welches offenbar auf seinem Computer gefunden wurde), können der alleinige Auslöser für solch eine Tat sein. Psychische Krankheiten, ein schweres soziales Umfeld, wie es Tim bedingt durch Mobbing auch hatte, sowie eine Gesellschaft, die solche Menschen ausgrenzt sind der eigentlich Grund dafür, dass es zu solch einem Gewaltausbruch kommt. Aber es ist natürlich wesentlich einfacher, Videospiele oder Waffen dahin zu stellen. Die Waffe war nur ein Mittel zum Zweck, um in einer kurzen Zeit möglichst viele Menschen zur Strecke zu bringen. Das Videospiel kann vielleicht für Inspirationen gesorgt haben. Das heißt aber nicht, dass jeder, der “Killerspiele” spielt auch als mutmaßlicher Amokläufer gebrandmarkt gehört. Und da kann Christian Pfeiffer noch so sehr gegen die bösen Videospiele wettern. Nur, weil er in seiner Jugend die Erfahrung gemacht hat, dass Horrorfilme beängstigend auf ihn eingewirkt haben (und das seinen Angaben nach ihn nachhaltig geprägt haben soll), ist das kein Grund, eben jenes Bild auf jedes Inidividuum in Deutschland abzubilden.

Wie ich auf Christian Pfeiffer komme, könnt ihr euch in den nachfolgenden zwei Videos mal genauer ansehen. Der selbsternannte Szene-Kenner der Videospiele hatte nämlich wieder einmal mehr einen höchst umstrittenen Auftritt in der ARD:

Mal ganz abgesehen davon, dass die deutsche Version von Counter-Strike Source weder über Bluteffekte noch zerfetzte Leichen verfügt: Was soll diese Diskussion um Videospiele eigentlich schon wieder? Wäre es nicht mal klug, darüber zu diskutieren, wie man präventiv solche Amokläufer abfängt und auf einen grünen Zweig zurückbringt? Nein, das wäre natürlich viel zu kompliziert. Ein Verbot von Killerspielen ist doch viel einfacher. Und danach hören die Amokläufe ganz bestimmt auf.

Wie dem auch sei: Passt auf, was ihr in den Massenmedien aufschnappt und was nicht. Insbesondere der Beitrag der ARD zeigt mal wieder sehr gut, wie gerne manipuliert wird. Die Version von Counter-Strike Source, die in der Sendung “hart aber fair” gezeigt wurde, war niemals die, die von der USK mit 16+ eingestuft wurde. Die in Deutschland erhältliche USK 16-Version ist, wie bereits benannt, sogar eher gewaltverharmlosend (kein Blut, keine zerfetzten Leichen – also quasi ein Ballerspiel im Gummibären-Land).

Fazit:

Geht man nach der Meinung vieler selbst ernannter Experten, dann müsste sogar ich das Potenzial für solche Gewalttaten oder zumindest eine höhere Gewaltbereitschaft aufweisen. Ist dem so? Oder: Ist es überhaupt für einen Teil der Spieler nachweisbar, die regelmäßig Ego-Shooter spielen? Nicht wirklich. Denn jeder befindet über das was er spielt und sieht individuell. Und deshalb macht es diese Diskussion um Killerspiele auch so schwierig. Aber Hauptsache, man hat mal wieder einen Sündenbock, denn dann ersparen es sich die Medien offenbar auch, wie komplex das Leben aufgebaut ist und das die Gleichung nie eins plus eins (Täter + Killerspiel) sein kann.

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2 Responses to “Der Amoklauf in Winnenden: Und wieder waren es die Videospiele!”

  1. Das Problem sind die Medien, die solch Taten noch schön publik machen, so dass solch gestörte Menschen überhaupt erst auf diese Gedanken kommen “Mensch das könnte ich auch mal machen …” War nicht erst ein Tag zuvor ein Amoklauf in Amiland? Da hat Timmi bestimmt von gehört und sich inspirieren lassen -.-

  2. Der Amoklauf in Alabama war sogar, soweit ich weiß, am selben Tag. Bevor man wusste, ob Tim auch Counter-Strike gespielt hat, haben die Medien auch darauf spekuliert, dass es da einen Zusammenhang geben könnte. Aber mittlerweile hört man davon nichts mehr. Man hört nur noch, dass die Eltern verantwortungslos ihr Waffenarsenal zu Hause aufbewarten und das der gute Tim Counter-Strike gespielt hat …

    Deswegen ist Snakes Meinung dazu auch so richtig, wie ich finde. Es ist doch für die Medien wesentlich einfacher, den Leuten eine simple Gleichung wie 1+1 zu verkaufen, als alle Dinge zusammenzuzählen.