In Winnenden vor Ort an der Albertville-Schule
Da der Amoklauf, wie bereits berichtet, gar nicht allzu weit von meinem Wohnort entfernt stattgefunden hat (ca. 15 Minuten Autofahrt von hier), habe ich mich am Samstagabend auf den Weg dorthin gemacht, um mit einer Kerze mein Mitgefühl auszudrücken. Wie groß der Anlauf war, ist erstaunlich und vor allem: Woher die Leute kamen. Aus Rücksicht vor den Angehörigen habe ich keine Bilder geschossen, aber ein Plakat zwischen dem Kerzenmeer blieb mir, aufgrund der Thematik, doch im Kopf hängen.
Regierungen aller Länder: Wacht auf! Die Zeit ist überreif für ein generelles Verbot aller Mord-Computerspiele weltweit!
Im Großen und Ganzen spielt die Aussage abermals auf ein Verbot von einschlägigen Videospielen ab, die sogenannten Killerspiele. Auch, wenn ich wirklich Respekt vor den trauernden Menschen habe: Kann man wirklich so naiv sein und aufgrund von Medienberichten solche Plakate aufhängen? Ist diesen Menschen – egal ob Angehörige oder dazugestoßene Menschen mit Halbwissen – eigentlich klar, dass sie mit solchen Aussagen alle Jugendliche und Erwachsene in eine Schublade schieben, die diese Videospiele spielen? Glaubt man dem geschriebenen Text auf dem Plakat, so müsste also auch ich als bekennender Spieler von Counter-Strike, Call of Duty 4 und Konsorten ein maßgeschneideter Amokläufer sein, der sein Szenario an PC und Konsole regelmäßig trainiert. Um die Beantwortung der Frage, ob das auf mich zutrifft, vorweg zu nehmen: Natürlich ist das totaler Unsinn.
Aber unsere Massenmedien machen es dem normalen Bürger nicht leicht. Und da kann man noch nicht mal die öffentlich-rechtlichen Sender in den Schutz nehmen, die eigentlich von uns Bürgerinnen und Bürger finanziert werden. Denn die schießen mit denselben Argumenten los wie RTL, N24, n-tv und Bild: Ein Jugendlicher und ein zufällig gefundenes Videospiel ist gleich das gefundene Fressen für eine neue wahnwitzige Diskussion über das Verbot von Videospielen mit Gewaltinhalt. Klasse! Dabei würde der Jugendschutz doch ganz gut funktionieren, wenn es an seiner Umsetzung nicht hapern würde.
Kontrolle durch jugendliche Testkäufer?
Frau von der Leyen (Bundesfamilienministerin, CDU) hat hier schon richtig angestoßen als sie gesagt hat, man müsse die Einzelhändler insoweit überprüfen, indem man jugendliche Testkäufer im Alter von 14 bis 15 Jahren in die Läden schickt. Auf einem anderen Weg ist doch eine Kontrolle überhaupt nicht möglich und solange ohne regelmäßige Überprüfung der Händler keine Abschreckung vorhanden ist, wird auch der Verkauf von gekennzeichneten Videospielen, die für das Alter eines Jugendlichen xy nicht geeignet sind, weitergehen.
Mehr Verantwortung von Seiten der Eltern
Natürlich kann der Einsatz von jugendlichen Testkäufern kein Allheilmittel in der Frage sein, wie am Besten verhindert werden kann, dass bestimmte Medien mit einer Altersfreigabe über 16 oder 18 Jahren in die Hände von Kindern gelangen. Auf der anderen Seite liegt es nämlich auch in der Verantwortung der Eltern sich darüber zu informieren, was ihre Schützlinge eigentlich auf PC und Konsole so spielen. Hier mehr in Richtung Medienkompetenzen der Eltern zu investieren, wäre vermutlich auch keine falsche Investition im Angesicht der Tatsache, dass viele Eltern gar nicht wissen, was für ihre Kinder überhaupt geeignet ist und was nicht.
Ursachenforschung
Aber fernab von der ganzen Killerspiel-Debatte, kann ich es nicht oft genug sagen, dass soziale Komponenten und allem voran auch gesellschaftliche und psychische Einflüsse sich neben der Wurzel, dem Elternhaus, negativ auf einen solchen Menschen auswirken können. Eben jene Dinge waren bei Tim K. erfüllt. Er hatte zwar einige Freunde, aber offensichtlich keinen großen Freundeskreis. In der Schule fand er nicht die nötige Anerkennung und auch bei der Bundeswehr stellte man bei der Musterung fest, dass er unter psychischen Problemen – hier insbesondere Depressionen – litt. Wegen eben jener Depressionen befand er sich im Jahr 2008 in stationärer Behandlung, die dann eigentlich ambulant in Winnenden fortgesetzt werden sollte. Leider trat Tim K. die ambulante Behandlung nie an.
Wer aber mal ein bisschen über Google sucht, wird bemerken, dass Depressionen gar nicht so sehr zu unterschätzen sind:
Durch die ständige Niedergeschlagenheit, Genussunfähigkeit und Apathie isolieren sich depressive Menschen häufig von ihren Freunden und Bekannten. Auch in Partnerschaft und Familie und am Arbeitsplatz kommt es häufig zu Problemen. Depressiv Erkrankte können so ins soziale Abseits geraten, das seinerseits die Depression verstärkt.
Quelle: g-netz.de
Wenn man solche Dinge liest, fragt man sich wirklich, wo die Ursachen tatsächlich zu suchen und gleichzeitig zu finden sind. Waren es ausschließlich die Videospiele, mit denen sich Tim K. beschäftigt hat? Beschäftigte er sich vielleicht infolge der Erkrankung an Depressionen wesentlich intensiver damit als zuvor? Und: Wieso konnte das Elternhaus nicht gemeinsam mit Tim K. über dessen Veränderungen sprechen und gegen seine offensichtlichen Wesensänderungen ankämpfen?
Schlechte und teils einseitige Berichterstattung – gezielte Fehlinformation der Bürger?
Dass Geld alleine nicht glücklich machen kann – Tim K. kommt aus einer wohlhabenden Familie – sollte allen klar sein. Man hat mit dem nötigen Kleingeld vielleicht weniger Sorgen im Alltag. Freundschaften und Beziehungen lassen sich allerdings alleine durch den Geldsegen nicht “bezahlen”. Diese Gleichung müsste auch ein x-beliebiger Redakteur aus einer großen Redaktion hinbekommen, ganz gleich ob Bild, RTL, N24, ARD oder ZDF. Oder ist es vielleicht weniger Spektakulär, über die wahren Abgründe in dem Leben eines Individuums zu berichten als zum hundertsten Mal die Leier mit den Killerspielen herunterzuspielen?
In den großen Medien sind prägnante Schlagworte wichtig. Killerspiele, Counter-Strike, ein Jugendlicher – schon haben wir den passenden Mix für eine wahnwitzige Diskussion mit zweifelhaften Wissenschaftlern und selbst ernannten “Videospiel-Experten” wie Christian Pfeiffer bei der ARD in “hart aber fair”. Dass das Leben nicht nur aus der mathematischen Gleichung eins plus eins (Jugendlicher plus Killerspiel ist gleich Amokläufer) besteht, fällt meistens unter den Tisch. Die Kausalität des Lebens ist schließlich viel zu kompliziert – wie macht man dem normalen Bürger also klar, dass eins plus eins plus eins plus eins die eigentlichen Problemherde entschlüsseln? Am Besten gar nicht oder nur beiläufig, denn da zu sehr ins Detail zu gehen, ist wohl zu kompliziert. Außerdem ist es wesentlich einfacher – auch für die Politik – nur eine Sau durch ‘s Dorf zu jagen als eine ganze Herde.
Neue Gesetze, obwohl Alte nicht wirken?
Mein persönlicher Aufruf an die Politiker ist daher ein anderer als auf dem Plakat vor der Albertville Schule: Verschärft nicht das Jugendschutzgesetz, sondern beseitigt die Ursachen an der Wurzel. Es kann nicht sein, dass dem Elternhaus und der Schule solche persönlichen Defizite entgehen. Verkleinert die Klassen, damit die Lehrer sich besser und vor allem individuell mit ihren Schülern beschäftigen können. Nur so können angeschlagene Schüler eher aufgefangen werden und zwar bevor es zu einem Gewaltausbruch in diesem Ausmaß kommt. Videospiele haben damit nichts oder im Entferntesten nur geringfügig zu tun und fernab davon: Welcher Zocker lässt sich schon gerne als Amokläufer ansehen? Im Zusammenhang mit dieser Diskussion müssen wir nämlich gewaltig aufpassen, dass hier nicht eine klassische Hexenjagd auf Menschen gemacht wird, die eben nicht in das Muster eines typischen Amokläufers passen.
In diesem Sinne: Macht was! Und zwar zur Abwechslung das Richtige.
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Tags
Albertville Schule, Amoklauf, kerzen, Schmerz, Tim K., Trauer, Winnenden


15. März 2009 










Hab heute ein Foto des angesprochenen Plakates in der Zeitung gesehen. Sehr lustig!
Abgesehen davon in unserer Lokalzeitung ein kleiner Artikel mit der Überschrift “Doch nicht Killerspiel FarCry 2 am Vorabend gespielt”.
Es geht wieder los, warte nur. Die Mediengeilheit, mit der sich angehende Amokläufer dann ein paar Tage Land- (sogar Stunden Welt-)Fame holen wird natürlichlich nicht als Grund gesehen. Und doch WENN, – wer würde über sowas berichten?
- Ein Killerspielspieler.