Winnenden: Ein Jahr Bedenkzeit hat der Landesregierung nichts gebracht

Am 11. März 2010 hat sich die dramatische Bluttat an der Albertville-Realschule in Winnenden gejährt. Politikprominenz war vor Ort und hat mit Opfern, Freunden und Einwohnern von Winnenden den Toten gedacht, die vor einem Jahr von Tim K. bei dieser Tat erschossen wurden. Was hat sich in diesem einen Jahr getan? Nicht besonders viel, außer dass sich die Forderungen des baden-württembergischen Innenministers Heribert Rechs (CDU) gebetsmühlenartig zu Wiederholen scheinen: Computerspiele sind böse, Computerspiele müssen aus dem Verkehr gezogen werden.

Auch die Piratenpartei in Baden-Württemberg hat erkannt, dass das Verbot von anerkanntem Kulturgut nicht der richtige Weg in der Frage ist, wie man präventiv solchen Amoktaten entgegenwirken kann. “Gewaltverherrlichende Computerspiele sind in Deutschland schon lange verboten; die auf dem Markt befindlichen Spiele werden eingehend von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) geprüft und in entsprechende Alterszulassungen eingeteilt. Die einfachste Forderung ist selten die richtige. Computerspiele sind Teil unserer Kultur, und es wird Zeit, dass die Politik dies begreift”, so Sabine Satore, Bezirkssekretärin aus Karlsruhe. Und damit hat sie recht: Es muss endlich ein Diskurs über die Ursachen stattfinden, um das Problem an der Wurzel zu packen.

Wenn Kinder oder Jugendliche zu Mörder werden, so findet sich nicht zwangsläufig auch eine Verbindung zu den Videospielen. Und wenn doch, dann liegt das schlicht und einfach an der enormen Verbreitung dieses Kulturguts. Mittlerweile dürfte sich in so ziemlich jedem Kinder- und Jugendzimmer in Deutschland ein Gerät befinden, mit dem gleichzeitig auch Computerspiele gespielt werden können. Und sie werden auch gespielt.

Die Landesregierung in Baden-Württemberg hatte jetzt ein Jahr Zeit, um die Ursachen für solche Bluttaten zu erörtern. Was dabei herauskam war lediglich ein Sonderausschuss im Landtag, der gebetsmühlenartig die Forderungen Heribert Rechs unterstreicht und die vieler Unionspolitiker, die eben selbiges schon seit den Amoktaten in Erfurt und Emsdetten fordern. Dabei stellt sich die Landesregierung in ganz elementaren Fragen quer: Beispielsweise bei der Schulsozialarbeit, dessen Ausweitung die CDU aus Kostengründen ablehnt. Dabei steht der Deutsche Kulturrat schon seit 2008 für eine verstärkte Vermittlung von Medienkompetenzen an deutschen Schulen ein. Zusätzlich gehört das Bildungssystem auch in Baden-Württemberg dringend reformiert und nicht nur durch Hochglanzbroschüren schöngeredet.

Die CDU-Politiker handeln nach dem Motto, dass ihre Forderungen glaubwürdiger werden, wenn man sie nur oft genug in der Öffentlichkeit wiederholt. Persönlich finde ich es auch sehr schade, dass selbst unser Bundespräsident Horst Köhler die elementaren Probleme nicht erkennt, die auch tief in unserer “Ellenbogengesellschaft” sitzen, die dazu neigt, bestimmte Personengruppen auszugrenzen und zurückliegen zu lassen. Die Realität sieht nun mal so aus, dass sich an deutschen Schulen viel Hass aufstaut, weil eben zurückbleibende Personen oft ausgegrenzt und in der Klassengemeinschaft gemobbt werden. Wenn dann Ansprechpartner wie Sozialarbeiter und Schulpsychologen fehlen, die diese Personen auffangen könnten, sind Gewalttaten allgemein – nicht unbedingt ein Amoklauf – vorprogrammiert.

Dass CDU und FDP allerdings eher dazu bereit sind Hoteliers und anderen Unternehmen mit milliardenschweren Steuererleichterungen unter die Arme zu greifen als den Schulen bei ihrer Sozialarbeit zu helfen, sollte weitgehend bekannt sein …

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