WikiLeaks lässt tief blicken

Mit der Veröffentlichung von über 92.000 überwiegend als Geheim klassifizierten Datensätzen des US-Militärs zum Krieg in Afghanistan ist es WikiLeaks gelungen, zusammen mit den drei Medienhäusern “DER SPIEGEL”, dem britischen “Guardian” und der “New York Times” das wahre Gesicht des Militäreinsatzes am Hindukusch zu zeigen. Es bietet ein Fenster zur Wirklichkeit auf dem Schlachtfeld, zu Dingen, die uns nicht nur das US-Militär, sondern auch die Bundesregierungen von Rot-Grün, Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb verheimlichen wollten. Und es zeigt auch, worüber alternative Medien schon sehr lange berichten: Kriegsverbrechen, die durch die Vereinigten Staaten von Amerika begangen wurden und auch weiterhin begangen werden. Die Echtheit dieser Dokumente kann nun nicht mal mehr das Weiße Haus dementieren. Sie sind für Jedermann einsehbar, täglich abrufbar auf WikiLeaks.

Den US-Behörden ist schon seit Wochen klar, dass sie einen herben Verlust an teils streng geheimen Dokumenten erlitten haben, die die Veröffentlichung der sogenannten Pentagon-Papiere zum Vietnam-Krieg als Kleinigkeit dastehen lassen. Die Möglichkeiten des Internets und des Hochgeschwindigkeitsnetzes bieten heute völlig neue Möglichkeiten, auch was den Umfang von Daten angeht – Papier ist vergänglich, aber das Internet vergisst nichts. Washington vermutet also nicht umsonst, dass sie hoch explosives Material verloren haben, das auch den Amerikanern das Gesicht des “Friedenstifters” endgültig ausziehen könnte. Das Archiv, das WikiLeaks nun der Öffentlichkeit zu jeder Zeit frei zugänglich zur Verfügung stellt, beinhaltet nicht nur Einsatzberichte direkt von der Front, sondern auch über die Task Force 373 – einer Elitetruppe des US-Militärs, die im Geheimen operiert und deren Aufgabe es ist, Aufständische und hochrangige Taliban auszuschalten. In diesen Berichten über die geheime Elitetruppe werden nicht nur Erfolge verbucht, sondern auch herbe Rückschläge mit massiven Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung, darunter auch jede Menge unschuldige Kinder.

Der Gründe von WikiLeaks, Julian Assange, sagt dazu, dass sie in den letzten zwei Monaten einen großen Stapel an qualitativ hochwertigem Material zugespielt bekommen haben. Sogar Offiziere der Kriminalabteilung des Pentagons haben sich schon mit ihm in Verbindung gesetzt. Sie wollten sich auf neutralem Boden mit ihm treffen, um das klaffende Loch im US-Militär zu schließen, das diese hoch brisanten Informationen nach außen dringen lässt. Assange lehnte ab.

In einem Interview mit dem britischen Guardian äußert sich Assange zu den sogenannten “War Logs” aus Afghanistan:

Die bereits zu Anfang angeführten Medienhäuser haben jetzt Gelegenheit, dieses riesige Archiv an geheimen Militärakten zu durchforsten und im Interesse der Öffentlichkeit die Wahrheit über den Afghanistan-Krieg zu beschreiben. Während der SPIEGEL seine Onlineplattform lediglich als Teaser für seine Printausgabe nutzt, sind der Guardian und die New York Times schon etwas weiter. Auf eigens dafür eingerichteten Themenseiten lassen sich so die Analysen der Journalisten nachverfolgen:

Afghanistan: The War Logs (Guardian)
The War Logs (New York Times)

Zur Zeit sieht alles danach aus, als sei ein 22-jähriger Analyst im US-Militärgeheimdienst der Whistelblower gewesen. Bradley Manning soll Zugriff auf zwei geheime Computernetzwerke der USA gehabt haben, dem “Secret Internet Protocol Router Network” (SIPRNet), welches diplomatische und militärische Geheimnisse der USA übermittelt, sowie dem “Joint Worldwide Intelligence Communications System”, das zur Übermittlung von ähnlichen Inhalten gedacht ist. In einem Internetchat soll Manning gegenüber dem Hacker Adrian Lamo sein Herz ausgeschüttet haben. Wie Lamo berichtet, habe Manning gesagt, dass er unglaubliche und fürchtliche Sachen gesehen habe, die in die Öffentlichkeit gehörten und nicht in einem dunklen Serverraum in Washington. Darunter auch kriminelle politische Drecksgeschäfte, die Nicht-PR-Version von Weltereignisse und Krisen.

Am 26. Mai 2010 wurde Manning schließlich 25 Meilen außerhalb seiner Operationsbasis in Bagdad festgenommen und nach Kuwait in ein Militärgefängnis verschleppt. Dort wartet er nun auf eine mehrjährige Haftstrafe. Die Aktionsseite “Help Bradley Manning” setzt sich unter dem Motto “Because true heroism merits no punishment” für die Freilassung des jungen Geheimdienstanalysten ein.

Weitreichende Analyse über die etablierten Massenmedien?

Insgesamt bleibt nur zu hoffen, dass über die drei Medienhäuser nun eine umfassende – und für die Öffentlichkeit nachvollziehbare – Analyse der Daten erfolgt und das so die schmutzigen Machenschaften der US-Regierung ans Tageslicht kommen. Alternative Medien wie “Alles Schall und Rauch” oder Infokrieg.tv berichten schon seit sehr langer Zeit umfassend über die tatsächlichen Umstände am Hindukusch. Dabei kamen oftmals schon Augenzeugenberichte zu Tage, die in den Massenmedien kaum Gehör fanden, beispielsweise über die zivilen Opfer, die die Bundesregierung nach dem von Oberst Klein angeordneten Bombardement im September 2010 zunächst dementierte.

Die wichtigsten Fakten aus dem ersten Bericht über die War Logs:

  • Die Tötung von eigenen Soldaten durch sogenanntes “Friendly Fire”
  • Die hohe Anzahl an Toten in der Zivilbevölkerung, die seit Jahren vertuscht wird
  • Wie NATO-Kommandeure zivile Opfer durch eigene Angriffe den Taliban zuschieben
  • Wie Mordkommandos – wie die Task Force 373 – ausgesandt wurden, um Taliban-Führer zu ermorden
  • Die Behauptungen, der Iran und Pakistan würden die Taliban unterstützen, jedoch ohne Beweise
  • Wie sich afghanische Soldaten und Polizisten gegenseitig erschießen
  • Die steigende Anzahl von Bombenanschlägen gegen die ISAF-Truppen

… und warum der Krieg eigentlich verloren ist, wird in den Berichten ebenso ein ausschlaggebender Punkt sein.

Blicken wir also gespannt auf die nächsten Tage, Wochen und Monate. Von dem Fortschritt, den uns die Bundesregierungen von Rot-Grün, Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb immer erzählt haben, bleibt wenig übrig. Auch im Norden Afghanistans. Der SPIEGEL hat in seiner Printausgabe sehr umfassend beschrieben, wie explosiv die Situation auch im deutschen Verantwortungsbereich geworden ist.

Der freie Zugang zu Informationen, auch über das Internet, ist ein zu schützendes Gut. Nur so ist Demokratie auch tatsächlich möglich!

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